Promotions- und Habilitationsprojekte

Dr. Sascha Benedetti (abgeschlossenes Promotionsprojekt, Dezember 2014): Engagement, Biographie und Erwerbsarbeit. Eine biographieanalytische Studie zur subjektiven Bedeutung gesellschaftlichen Engagements

An der Schnittstelle von Bildungs-, Biographie- und Engagementforschung geht die Studie Engagement, Biographie und Erwerbsarbeit. Eine biographieanalytische Studie zur subjektiven Bedeutung gesellschaftlichen Engagements der forschungsleitenden Frage nach der individuellen Bedeutung gesellschaftlichen Engagements aus der Perspektive der Engagierten nach. Auf der Basis bildungsbiographisch akzentuierter qualitativer Doppelinterviews, welche in zwei unterschiedlichen Wellen (1983/84 und 2006/2009) im übergeordneten Forschungszusammenhang des Projektes Prekäre Kontinuitäten. Der Wandel von Bildungsgestalten im großstädtischen Raum in einer Phase der forcierten Institutionalisierung des Lebenslangen Lernens erhoben wurden, wurden erstens ein dreipoliges Spektrum subjektiver bildungsbiographischer Bedeutungen gesellschaftlichen Engagements, zweitens die individuelle Relation von gesellschaftlichem Engagement und Erwerbsarbeit in einem multidimensionalen Spektrum von (In-)Kongruenzkonstellationen, drittens der Wandel subjektiver bildungsbiographischer Bedeutungen gesellschaftlichen Engagements sowie dessen Relation zur Erwerbsarbeit und viertens die Relevanz individuell-lebenslaufbezogener und kollektiver Kontexte für individuelles gesellschaftliches Engagement rekonstruiert.

Literatur:
Benedetti, Sascha (2015): Freiwilliges Engagement – ein bildungsbiografischer Erfahrungsraum. In: Zeitschrift für Weiterbildungsforschung – Report, Volume 38, 1/2015, S. 53-69 (auf Springerlink.com verfügbar unter: http://link.springer.com/article/10.1007%2Fs40955-015-0013-1)

Benedetti, Sascha (2015): Biographie, Engagement und Erwerbsarbeit. Eine biographieanalytische Studie zur subjektiven Bedeutung gesellschaftlichen Engagements. Wiesbaden: Springer VS

Dr. Nina Brück (abgeschlossenes Promotionsprojekt, August 2018):
Geschwisterbeziehungen und Freundschaften. Kindliche Beziehungen als Entwicklungskontexte für Moral

Kindliche Beziehungen wie Freundschaften und Geschwisterbeziehungen stellen insbesondere für die moralische Entwicklung wichtige Kontexte dar (vgl. Dunn 2014, Schmid/Keller 1998, Youniss 1994). Ebenso spielen moralische Verpflichtung und Verantwortung in Beziehungen eine zentrale Rolle (vgl. Edelstein/Keller 1986). Demnach sind Beziehungen und die Entwicklung von Moral eng miteinander verknüpft. Um zu untersuchen, ob sich Kinder in einer moralrelevanten Situation ihrem Geschwister oder ihrer*ihrem Freund*in gegenüber verpflichteter und verantwortlicher fühlen, wurden Kinder im Alter von 5-6 Jahren (N = 83) in teilstandardisierten Interviews sowohl zu ihren Geschwister- und ihren Freundschaftsbeziehungen allgemein als auch mittels fiktiver Szenarien zu positiven und negativen moralischen Pflichten befragt. Sowohl die qualitativ inhaltsanalytischen als auch die quantitativen Analysen zeigen, dass die Entscheidung für das Geschwister oder für die*den Freund*in mit der Beziehung zusammenhängt und sich die Kinder aufgrund der in ihr entstehenden Verpflichtung so entscheiden, primär moralische Argumente oder Sanktionen spielen keine Rolle. Zudem wird deutlich, dass sich die Kinder in den positiv bzw. positiv strukturierten Pflichten ihren Geschwistern gegenüber deutlicher verpflichtetet fühlen und diese Verpflichtung selbst dann zum Tragen kommt, wenn sie sich eigentlich für die*den Freund*in entschieden haben. Für die negative Pflicht des Diebstahls gilt jedoch eine stärkere Verpflichtung der*dem Freund*in gegenüber."

Dr. Nils Köbel (abgeschlossenes Habilitationsprojekt)
Identität – Werte – Weltdeutung:
Zur biographischen Genese ethischer Lebensorientierungen

Ausgangspunkt des Forschungsprojektes:

Aus philosophischer und erziehungswissenschaftlicher Perspektive sind Wertbindungen und die Bildung philosophisch-weltanschaulicher Orientierungen für die Entwicklung von Identität zentral. Aktuelle moral-philosophische Ansätze betonen, dass ein Wert ein Kriterium guter Lebensführung ist, eine positiv einge-schätzte Leitvorstellung für das Handeln. Ethische Grundhaltungen priorisieren Wertbindungen und ermög-lichen die Einleitung des Lebens in eine bestimmte Grundrichtung. Die Frage, wie diese Grundhaltungen im Lebenslauf entstehen, kann durch die Perspektive des Neopragmatismus und der gegenwärtigen Subjekt-philosophie neu beantwortet werden. So betonen aktuelle sozialphilosophische Ansätze, dass die Dialektik von individuellen Erfahrungen der Selbsttranszendenz und kulturellen Deutungsmustern für die Entstehung von identitätsrelevanten Werten und Idealen entscheidend ist. Aktuelle Forschungen zur Genese von Subjektivität sehen in individuellen Aufschlusserlebnissen der Evidenz eine bedeutende Voraussetzung für die Bildung ethischer Lebensorientierungen.

Forschungsfragen:
Welche Narrative verwenden Personen für die biographische Plausibilisierung ihrer ethischen Grundhaltungen?
Welche wertrelevanten biographischen Erfahrungen und Prozesse werden in narrativen Interviews deutlich?

Forschungsmethode:
Komparative Fallstudien mithilfe narrativer Interviews.

Christian Toth, Dipl.-Päd. (laufendes Promotionsprojekt):
Personality Traits, Learning-Styles and Performance in MOOCs

Massive Open Online Courses (MOOCs) sind von Universitäten produzierte digitale Lernumgebungen mit akademischen Kurscharakter. In vier xMOOCs (enrollment in 2015) wurden quantitative Daten zur Persön-lichkeit, Motivation und Prokrastination sowie Perfomance Daten von Teilnehmern (n = 1307) erhoben. Die Persönlichkeitseigenschaften wurden anhand der BIG FIVE operationalisiert, zur Erhebung dienten der Big Five Aspect Scale (BFAS) sowie Lay’s Procrastination Scale (LPS). Die Auswertung der Daten konzentriert sich darauf, die Rolle bestimmter Persönlichkeitseigenschaften für den Erfolg in einem MOOC zu bestimmen und hinsichtlich der Teilnahmemotivation und des Nutzungsverhaltens abzugleichen. Forschungsergebnisse können einen Hinweis darauf liefern, wie Kurse didaktisch und technisch unterschiedlichen Persönlich-keitstypen oder Lernstilen angepasst werden können, um typischen Problemen von MOOCs zu begegnen (z.B. die extremen Drop-out Raten von bis zu 90%).

Dr. habil. Boris Zizek (abgeschlossenes Habilitationsprojekt)
Das Theorie- und Forschungsprogramm einer rekonstruktiven Sozialisationstheorie

Das Theorie- und Forschungsprogramm einer rekonstruktiven Sozialisationstheorie der Entwicklung strebt unter Einbezug rekonstruktiver Forschungsmethodologie eine Integration der Theorietradition einer radikalen und dynamischen Sozialisationstheorie (Habermas, Oevermann, Krappmann, Helsper) und der struktur-genetischen Entwicklungstheorie (Piaget, Kohlberg, Selman, Garz) in ein komplexeres Modell sozialisa-torischer Entwicklung an. Dieses vermag einerseits zentrale Kritikpunkte an den Theorien Piagets (Mono-logizität) und Kohlbergs (Rationalismus) zu lösen und andererseits die von Dieter Geulen aufgeworfene Frage zu beantworten, wie sich die von Ulrich Oevermann aufgezeigte Rekonstruktionstätigkeit des Sozialisanden langfristig niederschlägt (Kompetenz).

Die Rekonstruktionsthese, das Herzstück des Theorie- und Forschungsprogramms, geht davon aus, dass die moralische Entwicklung aus zwei distinkten, aufeinander folgenden und aufbauenden Prozessen besteht, der praktischen und der reflexiven Rekonstruktion der Struktur der in den Sozialisationsinstanzen in der Regel realisierten spezifischen Interaktionsformen (Habermas) durch den an ihnen partizipierenden Sozialisanden. In Das moralische Urteil beim Kinde untersucht Piaget also den praktischen, Kohlberg später hingegen den reflexiven Rekonstruktionsprozess. Das erklärt auch, warum bei Piaget die autonome Moralität bereits bei 12 bis 14jährigen Jugendlichen, bei Kohlberg hingegen frühestens mit 21 Jahren auftritt.
Jürgen Habermas, der sich letztlich vor allem für den reflexiven Rekonstruktionsprozess interessierte, ist durch seine formalpragmatische Perspektive auf die Vorgängigkeit der spezifischen Strukturen der „Inter-aktionsstufen“ aufmerksam geworden. Den Rekonstruktionsgedanken formuliert er in seiner diskurs-ethischen Fundierung der Kohlbergschen Moralstufen:

„Diesen moralischen Bezugspunkt müssen [die Handlungssubjekte] deshalb den Strukturen entnehmen, in denen sich alle Interaktionsteilnehmer, sofern sie überhaupt kommunikativ handeln, immer schon vorfinden“ (Habermas 1983, S. 174)

Die Strukturen, die das sich entwickelnde Subjekt konstruiert und die die Logik der jeweiligen Kompetenzstufe bilden, haben also Vorläufer nicht nur in den vorgängigen Entwicklungsstufen, sondern auch in den Strukturen der Sozialisationsinstanzen. Ulrich Oevermann steht als einstiger Assistent an dieser Stelle in der sozialisationstheoretischen Denktradition Habermas`; mit der objektiven Hermeneutik hat er ein rekonstruktives Auswertungsverfahren entwickelt, das auf der Ebene latenter Sinnstrukturen ansetzt. Da sich auf dieser die thematischen Interaktionsstrukturen manifestieren, sind rekonstruktive Methoden der Sozialwissenschaften der methodische Bezugspunkt des thematischen Forschungsprogramms.